Das Königreich Ungarn zerfällt

Der Waffenstillstand von Villa Giusti am 3. November 1918 beendete die Kämpfe des Ersten Weltkriegs zwischen Österreich-Ungarn und der Entente/Italien.

   

Die Villa Giusti bei Padua
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Unterzeichnung der
Waffenstillstandsvereinbarung

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Bereits drei Tage vorher, am 31. Oktober 1918, erklärte Ungarn den Austritt aus der Realunion mit Österreich. Die österreichisch-ungarische Monarchie war somit aufgelöst. Die in ihr lebenden Völker strebten auseinander und pochten auf ihr Selbstbestimmungsrecht:

  • Bereits am 28. Oktober wurde in Prag der neue Staat Tschechoslowakei proklamiert.
  • Am 29. Oktober wurde das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat) gegründet – bestehend aus den vorher unabhängigen Königreichen Serbien und Montenegro und den südslawisch besiedelten Gebieten Kärntens und der Steiermark, von Krain, Kroatien-Slawonien, Dalmatien und Bosnien).
  • Die Nationalversammlung der Vojvodina beschloss am 25. November 1918, sich Serbien anzuschließen
  • Die Rumänen Siebenbürgens sprachen sich am 1. Dezember 1918 in den Karlsburger Beschlüssen für die Vereinigung mit Rumänien aus.
  • Die Volksversammlungen der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben entschieden sich im Jahr 1919 ebenfalls für die Vereinigung ihrer Gebiete mit Rumänien.

Die Entente bestimmt die Ost-Grenze

Noch bevor die Friedensverhandlungen in Paris begannen, waren die Grenzen Ungarns mit Billigung der Siegermächte neu festgelegt worden. Das Oberkommando der Entente legte eine vorläufige Demarkationslinie in den bisherigen ungarischen Ostgebieten fest: Rumänien sollte demnach Siebenbürgen bis zum Fluss Marosch besetzen, Serbien das Banat, während Nordsiebenbürgen, Crişana (dt. Kreischgebiet, ung. Körösvidék) und Maramures (ung. Máramaros) bis auf Weiteres bei Ungarn bleiben sollten. Am 20. März 1919 teilte die Entente der ungarischen Regierung mit, dass auch diese Gebiete bis zur Linie Sathmar (rum. Satu Mare) – Großwardein (rum. Oradea) – Arad an Rumänien gegeben werden.

De facto hatte Ungarn damit etwa zwei Drittel seines ehemaligen Staatsgebietes und etwa die Hälfte seiner Bevölkerung eingebüßt.

Ungarn will die alten Grenzen wieder herstellen

In Folge des verlorenen Krieges erklärte Ungarns König Karl IV. (Kaiser Karl I.) am 13. November 1918 seinen Verzicht auf jeden Anteil an den ungarischen Staatsgeschäften. Darauf hin wurde am 16. November 1918 eine demokratische Republik unter der Führung von Graf Mihály Károlyi ausgerufen. Károlyi wollte Ungarn demokratisch umzugestalten – als "brüderliches Bündnis gleichberechtigter Völker". Er war der Ansicht, dass das vom amerikanischen Präsidenten Wilson im Januar 1918 verkündete Prinzip der Selbstbestimmung der Völker einer Erhaltung des historischen Ungarns nicht widersprechen würde. Er hoffte daher auf einen gerechten Frieden.

Unter dem Druck der bisherigen territorialen Verluste konnte sich Károlyi nicht mehr an der Macht halten und trat am 21. März 1919 zurück. Die Macht fiel nun an die ungarischen Kommunisten unter ihrem Führer Béla Kun. Dieser proklamierte die Räterepublik Ungarn mit dem Versprechen, die alten nationalen Grenzen wiederherzustellen.

Die Verhandlungen zwischen Béla Kun und der Entente über die zukünftigen Grenzen Ungarns scheiterten jedoch. Die Kommunisten verstärkten daraufhin die Armee und setzten auf eine militärische Lösung.

Krieg mit Rumänien und der Tschechoslowakei

Bis Ende Januar 1919 war es tschechoslowakischen Verbänden gelungen das bisherige Ober-Ungarn (die südliche Slowakei) zu besetzen.

Mitte April 1919 kam es zu verstärkten militärischen Auseinandersetzungen mit Rumänien. Bis zum 1. Mai 1919 eroberten die Rumänen darauf hin alle ungarischen Territorien bis zum Ostufer der Theiß (ung. Tisza).

Ungarn brachte ab dem 20. Mai 1919 die südliche Slowakei kurzzeitig wieder unter ihre Kontrolle, zogen sich aber nach einem durch die Entente vermittelten Waffenstillstand wieder zurück, da sie auf ein Entgegenkommen bei der zukünftigen Grenzziehung hofften.

Am 17. Juli 1919 attackierten ungarische Truppen an mehreren Stellen die 250 Kilometer lange Theißfront. Sie wurden von den Rumänen jedoch zurück geschlagen, deren weiterer Vormarsch von der ungarischen Armee nicht aufzuhalten war. Letztlich wurde Budapest besetzt und die kommunistische Regierung gestürzt. Erst im November 1919 räumten die Rumänen, auf Druck der Entente, die von ihnen besetzten Gebiete. Die Restitution der alten ungarischen Grenzen war endgültig gescheitert.

Frankreich – Ungarns mächtiger Gegner

Bereits während des Ersten Weltkriegs erklärten führende französische Politiker, dass sie die Habsburger Monarchie zerschlagen wollen. Vor allem der französische Ministerpräsident Clemenceau war für die Auflösung der Monarchie.

Nach seiner außenpolitischen Isolation zu Beginn der 3. Republik versuchte Frankreich seine Position durch die Bildung eines Bündnisses mit Großbritannien und Russland, als Gegenpol zum Dreierbund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien, zu verstärken. Nach dem Sieg der Revolution in Russland im Oktober 1917 verlor Frankreich seinen wichtigsten Verbündeten im Osten. Frankreich wollte deshalb das neue Polen, den neu zu schaffenden Staat der Tschechen und Slowaken, außerdem ein durch Siebenbürgen vergrößertes Rumänien und auch den neuen Staat der Südslawen, Jugoslawien, als Verbündete gewinnen. Diesem Plan stimmte auch Großbritannien zu.

Friedensverhandlungen in Trianon

Als Ungarn Ende 1919 zu den von Frankreich dominierten Friedensverhandlungen nach Paris eingeladen wurde, waren die Fakten also bereits geschaffen.

Die Verhandlungen wurden in einem von König Ludwig XIV. erbauten Lustschloss, im Grand Trianon, im Park des Schlosses von Versailles, geführt.

Als Verhandlungspartner saßen den Ungarn die Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika, des Britischen Reichs, Frankreichs, Italiens, Japans, Belgiens, Chinas, Cubas, Griechenlands, Nicaraguas, Panamas, Polens, Portugals, Rumäniens, des serbisch-kroatisch-slowenischen Staates, Siams und der Tschechoslowakei gegenüber.

 

   

Palais Grand Trianon
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Ungarische Verhandlungsdelegation
Albert Graf von Apponyi (Mitte)
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Eine von Albert Graf von Apponyi, István Graf von Bethlen und Pál Graf von Teleki geleitete ungarische Delegation reiste am 5. Januar 1920 nach Paris und übergab den Siegermächten eine Note, die betonte, dass die geographische und wirtschaftliche Einheit des tausendjährigen ungarischen Staates eine Lebenseinheit sei, die nicht zerstört werden dürfte.

Franzosen und Briten waren zwischenzeitlich überein gekommen, dass ethnische Fragen immer zugunsten der mit ihnen verbündeten Staaten entschieden werden sollten. Rumänien, Serbien und die Tschechoslowakei waren Verbündete, während die Ungarn als Feinde galten.

Als Antwort erhielt die ungarische Delegation den Entwurf des Friedensvertrages, in dem auch die neuen Grenzen Ungarns festgelegt waren. Sie entsprachen nicht dem ethnischen Prinzip, vielmehr wurden zusammenhängende ungarische Sprachgebiete von Ungarn abgetrennt.

Aufteilung des Königreichs Ungarn
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Als Kriegsverlierer konnten die Ungarn die Regelungen des Vertrags kaum bis nicht beeinflussen. Die ungarische Delegation war am 4. Juni 1920 dazu gezwungen den Friedensvertrag zu unterzeichnen, der gleichzeitig das Ende des tausendjährigen Ungarns bedeutete.

Der Vertrag von Trianon

Neben Kriegsschuldartikel und Artikeln zur Wiedergutmachung und zu Rüstungsbeschränkungen, schreibt der Vertrag von Trianon vor allem die Gebietsabtretungen völkerrechtlich fest:

  • Die heutige Slowakei und die Karpatoukraine wurden der Tschechoslowakei zugesprochen;
  • das heutige Burgenland ging an Österreich (allerdings erst 1921);
  • Kroatien, Slawonien, Prekmurje und die Süd-Baranja wurden in das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen eingegliedert; Die Batschka wurde zwischen Ungarn (Komitat Bács-Kiskun) und SHS-Staat (Vojvodina), der Banat zwischen SHS-Staat (Vojvodina), Rumänien (Kreise Timiş, Caraş-Severin, Arad und Mehedinţi) und Ungarn (Komitat Csongrád) aufgeteilt;
  • Siebenbürgen und Partium wurden rumänisch;
  • ein kleines Gebiet im Norden kam zu Polen,
  • und die Freie Stadt Fiume (das heutige Rijeka) wurde Italien zugesprochen.

Obwohl Italien für Grenzkorrekturen zugunsten Ungarns eintrat, lehnte Frankreich jede Änderung ab. Großbritannien schloss sich der französischen Haltung an.

Die Folgen des Vertrags für Ungarn

Das Gebiet Ungarns ging von 325 411auf 93 000 Quadratkilometer zurück, die Einwohnerzahl sank von 18,2 auf 9 Millionen. 3,2 Millionen Magyaren gerieten unter Fremdherrschaft. Rund 400 000 Ungarn flüchteten aus den abgetrennten Gebieten ins verbliebene Ungarn.

Ungarn blieb jedoch auch weiterhin ein Staat mit vielen Ethnien. So lebten nach der Volkszählung von 1920 auf dem Staatsgebiet Ungarns 551 211 Deutsche, 141 882 Slowaken, 23 760 Rumänen, 41 974 Kroaten, 17 131 Serben und 60.748 übrige (vor allem Bunjewatzen und Schokatzen).

Als Kriegsverlierer wurde Ungarn nicht nur mit hohen Reparationen belastet. Der festgeschriebene Gebietsverlust traf die Wirtschaft Ungarns besonders hart: Etwa 2/3 der landwirtschaftlichen Nutzfläche, 4/5 der Eisen- und Kohlegruben , jede Salz-, Kupfer- und Messingmine und etwa 2/3 der Viehbestände gingen verloren. Die Wirtschaftsbeziehungen zu den Nachbarländern wurden durch die Errichtung hoher Zollmauern unterbrochen. Der Strom der Flüchtlinge aus den abgetrennten Gebieten nach Ungarn verschlechterte die Wirtschaftslage Ungarns dramatisch.

Die Folgen für die Donauschwaben

Das Königreich Ungarn hatte bis zu seinem Ende etwa 1,9 Millionen Deutsche beheimatet. Nach dem Friedensvertrag von Trianon verblieben davon (gemäß der Volkszählung von 1920) in Ungarn nur mehr 551 211 Deutsche. Etwa 1,35 Millionen Deutsche wurden unvermittelt Bürger anderer Staaten:

  • 150 206 lebten in der Tschechoslowakei,
  • 534 427 lebten in Rumänien (davon 223 893 im Banat),
  • 450 687 lebten in Jugoslawien und
  • 221 185 wurden Österreicher.

Durch die Folgen des Trianon-Vertrags endete die fast 200 jährige gemeinsame Siedlungsgeschichte der Donauschwaben. Die Donauschwaben erfuhren in der Folgezeit in den verschiedenen Staaten, denen sie fortan angehörten, sehr unterschiedliche Schicksale, die nur knapp ein viertel Jahrhundert später in einer Katastrophe gänzlich enden sollten.

Wortlaut des Vertrages

Den genauen Wortlaut des Vertrags von Trianon in Deutsch können Sie der folgenden Website entnehmen: http://www.versailler-vertrag.de/trianon/index.htm.

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