Ungarn wird Republik 

Nachdem der Erste Weltkrieg für Ungarn beendet war, und König Karl am 13. November 1918 auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften in Ungarn verzichtet (aber formal nicht abgedankt) hatte, rief die Regierung unter Ministerpräsident Michael Károlyi am 16. November 1918 die Republik Ungarn aus. 

Michael Károly
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Károly versuchte den Bestand Ungarns, der von vielen Seiten bedroht war, dadurch zu retten, in dem er den verschiedenen Ethnien in Ungarn weitreichend entgegenkommen wollte. Bereits auf einer Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1914 warb Károly für sein Konzept einer Föderalisierung Ungarns unter demokratischen Verhältnissen.

Autonomiegesetz für die Deutschen in Ungarn

Die Regierung Károly erließ am 29. Januar 1919 ein Autonomiegesetz, dass den Deutschen in Ungarn weitestgehende Autonomie zusicherte:

  • Alle Deutschen in Ungarn wurden zu einer einheitlichen deutschen Nation zusammengefasst.
  • In den deutschen Siedlungsgebieten wurden autonome deutsche Gaue gebildet.
  • In der Verwaltung, in der Rechtspflege, im Unterrichtswesen, in den Kultur- und Kirchenangelegenheiten wurde der deutschen Bevölkerung volle Autonomie zugestanden.
  • Als gesetzgebendes Organ sollte eine deutsche Nationalversammlung gewählt werden.
  • Entsprechend ihrer Bevölkerungszahl sollten die Deutschen im ungarischen Reichstag vertreten sein.
  • Innerhalb der ungarischen Regierung sollten die Deutschen ein eigenes Ministerium bekommen.

Durch geheime Wahl wurde der Banater Johann Junker zum ersten Nationalitätenminister bestimmt.

Föderative Ungarische Sozialistische Räterepublik

Der Regierung Károly war jedoch nur eine kurze Dauer beschieden. Da das Waffenstillstandsabkommen durch tschechoslowakische, rumänische, serbische und besonders französische Truppen nicht eingehalten wurde, spitzte sich die politische Lage in Ungarn in einem Maße zu,  so dass Béla Kun am 21. März 1919 die Föderative Ungarische Sozialistische Räterepublik ausrief. Weltweit war dies die zweite kommunistisch ausgerichtete Regierung, nachdem die Bolschewiki in Russland in der Oktoberrevolution 1917 die Macht übernommen hatten.

   

Bela Kun
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Miklós Horthy
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Aber bereits am 1. August 1919 brach die ungarische Räterepublik zusammen, als rumänische Truppen im Ungarisch-Rumänischen Krieg im August 1919 Budapest besetzten. Dort herrschten mit Einverständnis Rumäniens ungarische Truppen unter dem konservativen Admiral Miklós Horthy. Die rumänische Armee verließ Ungarn erst wieder zwischen dem 14. Februar und  28. März 1920. Formell wurde Ungarn wieder eine Monarchie. An eine Rückkehr der Habsburger war aber aus innen- und vor allem außenpolitischen Gründen vorläufig nicht zu denken. So wählte die ungarische Nationalversammlung am 1. März 1920 Horthy als Reichsverweser zum provisorischen Staatsoberhaupt

Mit der Machtübernahme Horthys war es mit der Autonomie der Deutschen in Ungarn erst einmal vorbei. Ungarn kehrte zur Politik der Vorkriegszeit wieder zurück. Diese betont nationalistische Politik ließ neben den Magyaren keine andere Nationalität zu.

Nationalitätenminister Jakob Bleyer

Innerhalb der national-orientierten Regierung Horthys übernahm der in Tscheb (Batschka) geborene Literaturwissenschaftler Dr. Jakob Bleyer am 15. August 1919 das Ministerium für nationale Minderheiten, das er bis zum 16. Dezember 1920 inne hatte. Aber schon während dieser Zeit stellte Bleyer resignierend fest, dass eine noch stärkere Magyarisierung der deutschen Volksgruppe in Ungarn erfolgen werde, als dies bisher schon erfolgte.

   

Jakob Bleyer
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Jakob Bleyer Denkmal
in Geretsried

Dabei ließ Bleyer an seiner patriotischen Gesinnung für Ungarn keinen Zweifel: "Niemend kann sein Deutschtum oder Ungarntum mehr lieben als ich", schrieb er in einem Brief bereits 1917. " (...) mein höchster Wunsch war stets, dass sie in gegenseitiger Liebe und Eintracht leben".

Schon kurz nach seinem Amtsantritt als Nationalitätenminister erließ Bleyer am 21. August 1919 die Verordnung betreffend die Gleichberechtigung der nationalen Minderheiten, die diesen Minderheiten eine sprachlich-kulturelle Autonomie zusichern sollte.

Nach Trianon gab Ungarn seine liberale Minderheitenpolitik jedoch schnell wieder auf. Im neu gebildeten magyarischen Nationalstaat war die deutsche Minderheit ohne politische Tradition und ohne jegliche Führungsschicht.  Diesen Mangel wollte Bleyer abstellen. Er gründete 1921 das Sonntagsblatt für das deutsche Volk in Ungarn und 1924 den Ungarländisch Deutschen Volksbildungsverein (UDV). Aufgrund der Behinderungen durch die ungarischen Regierungs- und Verwaltungsorgane zählte der Verein in 186 Dörfern nur 12.000 Mitglieder, also lediglich 2,5 Prozent der ungarndeutschen Bevölkerung.

Zwar erließ die ungarische Regierung im Juni 1923 eine Sprachverordnung, die den nationalen Ethnien u.a. den freien Gebrauch der Muttersprachein der Schule und im öffentlichen Leben sowie die freie kulturelle Betätigung zusicherte, aber die ungarischen Lokal-, Schul- und Kirchenbehörden unterliefen diese Sprachverordnung, indem sie die sprachliche Assimilation der Minderheiten forcierten.

Die seit Trianon verstärkte Assimilierungspolitik der ungarischen Regierung hatte zur Folge, dass die Zahl der Ungarndeutschen zwischen 1920 und 1930 um 100.000 Personen abnahm. Die deutsche Muttersprache wurde in den Volksschulen mit Hilfe der Kommitatsorgane und unter tätiger Mithilfe der katholischen Kirche immer mehr zurückgedrängt, so dass Bleyer kurz vor seinem Tod im Parlament  darauf hinwies, dass 70 Prozent der deutschen Schulabgänger weder deutsch schreiben noch lesen konnten und 90 Prozent der Absolventen deutscher Mittel- und Oberschulen unfähig seien, einen deutschen Brief zu schreiben oder einen fehlerlosen deutschen Satz zu bauen.

Magyarisierung wird verstärkt

Nachdem schon die deutsche Sprache immer weiter zurückgedrängt wurde, sollten ab 1933 auch die deutschen Familiennamen aus der Öffentlichkeit verschwinden. Im Juli 1933 startete die ungarische Regierung eine Aktion zur Magyarisierung der nichtmagyarischen Familiennamen. Bestrebungen zur Magyarisierung des Familiennamens gab es in Ungarn zwar bereits seit dem 19. Jahrhundert. Allerdings beruhte dies bisher auf mehr oder weniger freiwilliger Basis. Dies sollte sich ab 1933 ändern:

  • Die staatliche Auszeichnung Vitézi Rend (dt. Stand der Tapferen) konnten nur Offiziere und Soldaten mit magyarisierten Namen erhalten. Dasselbe geschah auch bei Sportlern, der Polizei, bei Lehrern und dem Personal der Eisenbahn.
  • In den Lehrerbildungsanstalten und höheren Schulen wurde gedroht, die entsprechenden Diplome zu verweigern, wenn der Empfänger nicht einen magyarischen Namen hatte. 

Allein im Jahr 1934 wurden so über 100.000 Namen magyarisiert.

Ungarndeutsche geraten unter nationalsozialistischen Einfluss

War die UDV bis zum Tod Jakob Bleyers am 5. Dezember 1933 trotz des magyarischen Chauvinismus eher auf Konsens eingestellt, änderte sich dies spätestens 1938 mit der Gründung des Volksbundes der Deutschen in Ungarn (VDU) durch Franz Basch und durch die Gründung der Volksdeutschen Kameradschaft. Franz Basch lehnte die bisherige Konsenspolitik ab. Unter seiner Führung orientierte sich die VDU sehr stark am nationalsozialistischen Vorbild. Basch erklärte, dass die "Volkstreue eine der Staatstreue ebenbürtige Pflicht" darstelle. Gerade dieses Doppelbeknntnis war die Ursache des Mistrauens zwischen der ungarischen Staatsnation gegenüber der deutschen Minderheit.

Anlehnung Ungarns an das nationalsozialistische Deutschland

Die nationalkonservativen Kreise in Ungarn träumten nachwievor von einem ungarischen Großreich der Stephanskrone. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Ungarn unter seinem Reichsverweser Mikós Horthy, unter dem Eindruck der beiden Wiener Schiedssprüche von 1928 und 1940, immer stärker an das Deutsche Reich anlehnte und sich schließlich in seine Abhängigkeit begab.

Der beiden Wiener Schiedssprüche ermöglichten es Ungarn, Gebiete in der heutigen Slowakei, Ukraine und Rumänien friedlich zu besetzen, die Ungarn 1920 mit dem Friedensvertrag von Trianon abtreten mußte.

Die Anlehnung Ungarns an das Deutsche Reich ermöglichte der VDU mehr Einfluss auf die ungarische Innenpolitik zu nehmen. So kam es im August 1940 zu einem Volksgruppenabkommen, das zahlreiche Zusicherungen in der Schulpolitik und eine verstärkte Präsenz der deutschen Minderheit im öffentlichen Leben verschaffte.

Miklós Horthy und Adolf Hitler
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In einer gemeinsamen Erklärung erklärten der beiden Regierungen, dass die deutsche Volksgruppe das Recht erhält, sich ihr deutsches Volkstum uneingeschränkt zu erhalten. Die ungarische Regierung garantierte, dass "den Angehörigen der deutschen Volksgruppe aus der Tatsache ihrer Zugehörigkeit zur Volksgruppe und aus ihrem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Weltanschauung in keiner Weise und auf keinem Gebiet Nachteile irgendeiner Art erwachsen". Die deutsche Volksgruppe erhielt zahlreiche Privilegien und es wurden ihr weitreichende Autonomierechte zuerkannt.

Spätestens seit dem Anschluss Österreichs im März 1938 kam es zu einer Gleichschakltung der volksdeutschen Einrichtungen über die Volksdeutsche Mittelstelle (VOMI), die eine immer stärkere Befehlsgewalt auf die volksdeutsche Führungsebene ausübte. Die Übernahme und öffentliche Präsentation nationalsozialistische Symbole erweckte bei der Mehrheitsbevölkerung (nicht nur) Ungarns den Eindruck, alle Volksdeutschen würden sich mit dem deutschen Nationalsozialismus und seiner Rassenlehre identifizieren.

Ungarndeutsche im Zweiten Weltkrieg

Im November 1940 trat Ungarn dem Dreimächtepakt Deutschland, Italien und Japen bei. Im April 1941 nahmen ungarische Truppen an der Zerschlagung Jugoslawiens teil. Sie annekterten die Batschka und das Baranyadreieck. Es kam im Winter 1941/42 in der Batschka zu Ausschreitungen ungarischer Truppen gegen Serben und Juden. Die Razzia in der Batschka kostete 2.455 Serben und 810 Juden das Leben.

Im Februar 1942 unterzeichneten die Regierungen in Berlin und Budapest ein Abkommen zur Bildung einer deutsch-ungarischen Musterungskommission. Von da an konnten die Volksdeutschen Ungarns zur Waffen-SS eingezogen werden. Über 22.000 Ungarndeutsche dienten in der Waffen-SS, über 1.700 waren in der deutschen Wehrmacht, aber über 35.000 Ungarndeutsche entschieden sich für die ungarische Armee.

Ab September 1944 besetzte die Rote Armee ungarisches Staatsgebiet, was Miklós Horthy dazu veranlasste, den Sovjets einen Sonderfrieden anzubieten. Er wurde daraufhin von deutscher Seite sofort abgesetzt und durch den faschistischen Pfeilkreuzler Ferenc Szálasi ersetzt. Unter seiner Verantwortung wurde der Terror gegen die jüdische Bevölkerung und gegen die politische Opposition noch intensiviert.

Im Herbst 1944 besetzte die Rote Armee den Banat und die Batschka. Erst jetzt wurde die Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus Südungarn durch die Volksdeutsche Mittelstelle (VOMI), die seit Juni 1941 dem Reichsführer-SS Heinrich Himmler unterstand, angeordnet. Etwa 50.000 Ungarndeutsche aus der Baranya folgten dieser Anordnung. Eine größere Fluchtbewegung setzte aber erst nach der Besetztung Budapests durch die Rote Armee im Februar 1945 ein.  Aus der Schwäbischen Türkei wurden mindestens 60.000 Donauschwaben in die Sovjetunion zur Zwangsarbeit deportiert. 

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