Deportation in die Sowjetunion

Noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges verschleppte die Rote Armee im Zuge ihres Vormarsches, entsprechend eines ausgearbeiteten und von Lawrenti Berija (Mitglied des Staatlichen Verteidigungskommitees der UdSSR) abgezeichneten Operationsplanes zahlreiche Deutsche aus den eroberten Gebieten in Rumänien, Südungarn und Jugoslawien in die Sowjetunion.

Von Dezember 1944 bis Februar 1945 wurden über 30.000 Ungarndeutsche zur Zwangsarbeiten in die Sowjetunion verschleppt .Mehr als 9.000 kamen durch Unterernährung, Krankheit und die unmenschliche Arbeits- und Lebendbedingungen um.

Die Vertreibung

Noch während des Krieges ordnete die ungarische Interimsregierung im Rahmen der Bodenreform die Enteignung des landwirtschaftlichen Besitzes, einschließlich der Wohngebäude und des Inventars der deutschstämmigen Bevölkerung an und forderte von den Siegermächten deren Vertreibung aus dem Lande, was im Potsdamer Abkommen vom August 1945 genehmigt wurde.

Joseph Stalin und Harry S. Truman in Potsdam
Quelle: Truman Library

Die ungarische Regierung veranlasste darauf hin mit Zustimmung des Allierten Kontroll-Rates vom 20. November 1945 die Umsiedlung der deutschen Bevölkerung Ungarns nach Deutschland. Die Durchführung der Umsiedlung wurde nach § 15 des Gesetzesartikels 1945:XI geregelt:

"Zur Umsiedlung nach Deutschland sind jene ungarischen Staatsbürger verpflichtet, die sich anlässlich der letzten Volkszählung zur deutschen Nationalität oder Muttersprache bekannt haben, oder die ihren madjarisierten Namen in einen deutsch klingenden zurückändern ließen, ferner die Mitglied einer bewaffneten deutschen Einheit (SS) waren."

Damit waren etwa 90 % der Ungarndeutschen von der Vertreibung bedroht. Im amtlichen Spachgebrauch wurde in Ungarn die Vertreibung beschönigend als Aussiedlung (kitelepítés) bezeichnet.

Vertreibung in die Amerikanischen und Sowjetischen Besatzungszonen

Die Vertreibungen begannen im Januar 1946 mit den ersten Eisenbahntransporten aus Budaörs (Wudersch im Komitat Pest) und wurden mit dem letzten Transport aus Lánycsók (Lantschok im Komitat Baranya) im Juni 1948 beendet.

Die Vertriebenen wurden zunächst in die amerikanisch besetzten Zonen Deutschlands (Nordwürttemberg, Nordbaden, Bayern und Hessen) verbracht. Die US-Militärregierung verweigerte ab dem 1. Dezember 1946 die Übernahme weitere Transporte, weil Ungarn das zurückgelassene Vermögen der Deutschen auf seine Reparationsverpflichtung anrechnen lassen wollte, was die Amerikaner nicht anerkannten. In einem Bericht der Ministerpräsidenten der amerikanischen Besatzungszonen von 1947 wird die Zahl der in dieser Phase aus Ungarn aufgenommenen Deutschen auf 176.000 beziffert.

Die nächste Phase der Vertreibung erfolgte ab August 1947. Auf Ersuchen der ungarischen Regierung an die UdSSR wurde die Übernahme von weiteren 50.000 Ungarndeutschenin in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands genehmigt. Ab 1947 bis Sommer 1948 gingen 33 Transporte mit insgesamt 49 300 Personen nach Sachsen (Lager Pirna, Hoyerswerda, Prossen, Bischofswerda) und Sachsen-Anhalt. Viele flüchteten von hier in die Westzonen. Einigen gelang es, in die Heimat nach Ungarn zurückzukehren.

Schicksal der Kriegsgefangenen

Für die Heimkehrer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft dauerten die Leiden weiter an. Sie wurden 1950 zur Zwangsarbeit in Lagern bei Tiszalök und Karzinbaricka interniert. Mehr als tausend Ungarndeutsche mussten in dieser völlig von der Außenwelt abgeriegelten Schweigelagern ein Wasserkraftwerk an der Theiß und ein Chemiewerk errichten.

Durch die Intervention von Dr. Ludwig Leber, des Vorsitzenden der Ungarndeutschen-Landsmannschaft, beim ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy, kamen ab November 1953 die ersten Gefangenen frei. Aber erst 1955 wurden die letzten Gefangenen entlassen und zu ihren Familien und Verwandten nach Deutschland überführt. Viel trugen lebenslange körperliche und geistige Schäden davon.

Nach der Vertreibung

1950 lebten über 175.000 ungarndeutsche Vertriebene in der Bundesrepublik Deutschland und 50.000 in der DDR. Etwa 20.000 Ungarndeutsche fanden in Österreich Aufnahme. Ungefähr 5.000 waren bis Ende 1950 schon nach Übersee, hautsächlich in den USA und nach Kanada, ausgewandert.
 

Von 1950 bis 1999 kamen weitere 21 400 Ungarndeutsche als Aussiedler in die Bundesrepublik (Zahlen für die DDR liegen nicht vor).

Ungarndeutsche als Staatsfeinde

Den in Ungarn verbliebenen 220.000 Ungarndeutschen wurde zunächst die ungarische Staatsbürgerschaft aberkannt. Erst 1950 wurde ihnen die Staatsbürgerschaft wieder zuerkannt. Während der kommunistischen Diktatur zwischen 1950 und 1956 unter Mátyás Rákosi wurden sie aber weiterhin als unzuverlässige Staatsfeinde betrachtet.

Mátyás Rákosi
Quelle: Institut für Vertriebenenforschung

Ungarndeutsche Männer wurden beim Militär wegen ihrer "Unzuverlässigkeit" nicht an Waffen ausgebildet. Ungarndeutsche Studenten durften an den Universitäten nicht studieren oder mussten aufgrund ihrer Herkunft ihre Studien abbrechen. Die Ächtung der deutschen Muttersprache in Schulen, Öffentlichkeit und Kirche während der 50er Jahre ließ eine stumme Generation heranwuchsen, die weder ihre Muttersprache beherrschte, noch das Bewusstsein einer ethnischen Identität hatte. Von den ehemals 300 deutschen Miderheitsgemeinden verblieben nur noch sieben.

Erste Minderheitenrechte

Unter dem Partei-Generalsekretär János Kádár bekam die deutsche Minderheit bescheidene Rechte zur Pflege ihrer Kultur. 1955 wurde der Verband der ungarndeutschen Werktätigen etabliert, der neben der Einbeziehung der Ungarndeutschen in das „Sozialistische Aufbauwelk“ aber auch die Kenntnis von der Existenz einer deutschen Volksgruppe im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit bewahrte.

Verbesserungen seit Mitte der 1980er Jahre

Für die Ungarndeutschen begann ab Mitte der 1980er Jahre eine langsame Entwicklung zum Positiven. In zahlreichen Schulen wurde Deutsch als Nationalitätensprache/Minderheitensprache eingeführt. Wissenschaftliche Forschungen in den Bereichen Volkskunde, Mundarten, Zweisprachigkeit, Sprachkontakt, Interkulturalität wurden an den Universitäten Veszprém und Pécs aufgenommen. Es entwickelte sich auch eine ungarndeutsche Literatur. Die Zahl der zweisprachigen Schulen (vor allem Gymnasien) wuchs. Es wurden deutsche Chöre und Tanzgruppen ins Leben gerufen.

Pusztavámer Tanzgruppe

Nach dem Systemwechsel 1989/90

Nach dem Systemwechsel 1989/90 bildeten sich im Gefolge der Demokratisierung des öffentlichen Lebens zahlreiche ungarndeutsche Gruppierungen. Im Jahr 2002 etablierten sich 340 Minderheitenselbstverwaltungen. 35 Ungarndeutsche wurden sogar zu Bürgermeistern gewählt.

Bei der Volkszählung 2001 gaben jedoch nur noch 33.700 Personen deutsch als Muttersprache und 62.000 Personen deutsch als Nationalität an.

Das Grundproblem des dauerhaften Erhalts der ungarndeutschen Minderheit, der ausreichende schulische Unterricht in der Muttersprache, wurde noch nicht befriedigend gelöst.

Dr. Katalin Szili, Präsidentin des ungarischen Parlaments erklärte am 16. November 2007 bei einer Gedenkveranstaltung im Parlament in Budapest zum 60. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen:

"Ungarn war immer stolz darauf, eine aufnehmende Nation zu sein. Und dennoch: unter den Mauern desselben Gebäudes wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gesetze verabschiedet, die die verschiedenen Volksgruppen aus der Gesellschaft' ausgeschlossen haben. Wir Politiker sind verpflichtet, für die schandhaften politischen Entscheidungen statt unserer verantwortlichen Vorgänger auszusprechen: Entschuldigung! Auch der Satz soll als Kompass vor uns stehen: Nie wieder!

Dr. Katalin Szili
Quelle:
Wikipedia

Deutsche aus Ungarn in Deutschland

Die nach Westdeutschland vertriebenen Ungarndeutsche haben tatkräftig am Wirtschaftswunder mitgewirkt. Sie bewahrten, sobald die Möglichkeiten gegeben waren, in Heimatortsgemeinschaften den Zusammenhalt.

Als überregionale Vereinigungen wurde in Stuttgart die Landsmannschaft und in München die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn gegründet. 1980 vereinigten sich beide Landsmannschaften. Unter der Obhut der Kreis- und Ortsverbände entstanden Trachten- und Tanzgruppen, Blaskapellen und Chöre, die das Brauchtum weiter pflegen. Viele Heimatortsgemeinschaften konnten eine Stadt oder Gemeinde zur Übernahme einer Patenschaft gewinnen. Auch die Schwabenbälle werden weiterhin gepflegt, deren größter, der Bundesschwabenball, jährlich in Gerlingen stattfindet. In Geretsried wird der Schwabenball als Orts- und Landesschwabenball ebenfalls jährlich veranstaltet.

Zur Erhaltung des dinglichen Erbes wurden Heimatstuben und Museen gegründet. Das größtedieser Museen betreibt die Stiftung Donauschwäbisches Zentralmuseum in Ulm, in der sich das Land Baden-Württemberg, die Bundesrepublik Deutschland, die Stadt Ulm und die vier donauschwäbischen Landsmannschaften zusammengeschlossen haben.

Im Rahmen des deutsch-ungarischen Freundschaftsvertrages von 1992 ist Baden-Württemberg das Hauptkontaktland mit Ungarn geworden. Die Stadt Geretsried pflegt seit 1990 eine intensive Städtefreundschaft mit Pusztavám

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