Kulturelle Entfaltung in den 20er Jahren

Die völkerrechtliche Festschreibung der rumänischen Grenzen durch den Friedensvertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 und die damit verbundene Loslösung von Ungarn bedeutete für die Banater Schwaben die „Befreiung“ von der zunehmenden Madjarisierung und freie kulturelle Entfaltung.

Schon 1919 wurden in den Banater Dörfern deutsche Schulen wiedereröffnet. Am 15. August 1920 wurde die Einrichtung einer Katholischen Deutschen Lehrerbildungsanstalt in Timişoara (Temeswar) beschlossen – finanziert durch freiwilligen Beiträge und Leistungen der Banater Schwaben. Ab 29. August 1926 war diese Schule neben Volksschule, Gymnasium, Handelsgymnasium und Gewerbeschule Teil der Banatia, der größten deutschen Bildungs- und Erziehungsstätte im Südosten Europas.

   

Banatia 1915
Quelle: Wikipedia

 

heute: Universität Temeschwar -
Medizinische Fakultät

Quelle: Wikipedia

Der Banatia angegliedert war ein Internat zur Unterbringung von 300 Schülern. Im ganzen rumänischen Banat wurden deutschsprachige Schulen errichtet, deren Lehrer hauptsächlich in der Banatia ausgebildet wurden. Am 27. November 1927 wurde die Banater Deutsche Ackerbauschule in Wojtek eröffnet.

Geistiges und kulturelles Zentrum im rumänischen Banat war die Stadt Timişoara (Temeswar) mit ihren 40.000 deutschen Einwohnern. Die übrigen 275.000 Banater Schwaben Rumäniens verteilten sich auf knapp 19.000 qkm. Unter der sehr zerstreuten Lage der Banater Schwaben musste die kulturelle Arbeit zwangsläufig leiden. Die Betreuung des kulturellen Lebens lag daher hauptsächlich in den Händen der einzigen funktionierenden zentral-gesteuerten Organisation im Banat - der katholischen Kirche unter ihrem Bischof Augustin Pacha.

Der "Schwabenbischof" Augustin Pacha
Quelle: Die Apostolische Nachfolge

Finanzielle Unterstützung erfuhren die kulturellen und sozialen Einrichtungen der Banater Schwaben bis 1942 auch von der deutschen Reichsregierung.

Einsetzende Romanisierung

Rumänien machte zwar zunächst Zugeständnisse auf kulturellem Gebiet, „rumänisierte“ aber durch eine ganze Reihe von Verordnungen das öffentliche Leben (nicht nur) im Banat:

  • ab 1924 mussten in den Unternehmen mindestens 3/4 der Belegschaft und 2/3 des Aufsichtsrates Rumänen sein, was im Banater Bergland zum Einstellungsstopp für Deutsche führte;
  • 40% der Verwaltungsstellen mussten mit Rumänen besetzt sein;
  • ab 1925 musste eine rumänische Sprachprüfungen ablegen, wer Lehrer, Staatsbeamter oder Gewerbetreibender werden wollte;
  • der Gebrauch rumänischer Ortsnamen wurde vorgeschrieben;
  • der ,,numerus valadicus" schränkte den Zugang zur Hochschule ein;
  • im Juni 1924 versucht der rumänische Unterrichtsminister Anghelescu mit seinem "Volksschulgesetz-Entwurf" die deutsche Sprache aus den Schulen zu verbannen.

Minderheitenrechte lassen auf sich warten

Nach dem Sieg der Schwäbischen Autonomie Partei von Dr. Kaspar Muth über die radikale Deutsch-Schwäbische Volkspartei in den rumänischen Parlamentswahlen von 1920, kam es zur Gründung einer gemeinsamen Deutsch-Schwäbischen Volksgemeinschaft. Sie umfasste 123 Ortsgemeinschaften, 22 Bezirksgemeinschaften, 4 Gaugemeinschaften und ein Hauptamt.

Die Deutsche Partei (fraktioneller Zusammenschluss der deutschen Volksvertreter), die seit 1922 von Dr. Hans Otto Roth geführt wurde, war im rumänischen Parlament zeitweise mit bis zu 10 Abgeordneten vertreten.

Dr. Hans Otto Roth
Quelle: Wikipedia

Die rechtsverbindliche Verabschiedung eines Minderheitenstatuts auf der Basis der Karlsburger Beschlüsse wurde bis zum Ende der 30er Jahre jedoch nicht erreicht. Daran konnte auch Rudolf Brandsch nichts ändern, der 1931 zum Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen berufen wurde.

Erst ein deutsch-rumänisches Protokoll vom 30. August 1940 verpflichtete die rumänische Regierung „die Angehörigen der deutschen Volksgruppe in Rumänien den Angehörigen rumänischen Volkstums in jeder Weise gleichzustellen und die Stellung der deutschen Volksgruppe im Sinne der Karlsburger Beschlüsse zur Erhaltung des Deutschtums weiter auszubauen.

Hinwendung zum Nationalsozialismus

Die rumänische Agrarreform, die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen der Jahre 1929 bis 1934 und die Minderheitenpolitik der rumänischen Regierung ließ die Unzufriedenheit unter den Banater Schwaben, insbesondere unter den klein- und mittelbäuerlichen Betrieben, stark anwachsen. Sowohl der Schwäbische Landwirtschaftsverein, wie auch der deutsch-national ausgerichtete Banater Deutsche Kulturverein sahen sich immer mehr in Opposition zur Konsenspolitik der katholisch-konservativen Deutsch-Schwäbischen Volksgemeinschaft. Durch die ideologischen Annäherungen zwischen der rumänischen Königsdiktatur unter König Carol II. und dem Dritten Reich gerieten schließlich auch die Donauschwaben im Banat ins Fahrwasser der nationalsozialistischen Volksgruppenpolitik.

Trotz des Widerstands der kirchlich-konservativen Kreise im Banat hatte sich die Nationalsozialistische Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien (NEDR) bald durchgesetzt. Ihr Vorsitzender Fritz Fabritius übernahm am 29. Juni 1935 den Vorsitz des Verbandes der Deutschen in Rumänien, aus dem schließlich die Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien mit einem gemeinsamen Volksrat, dem die Gauräte der einzelnen Gebiete mit ihren Obmännern untergeordnet waren, hervorging. Im Programm von 1935 wurde der Aufbau der Volksgemeinschaft nach dem nationalsozialistischen Gefolgschaftsprinzip, die Durchdringung aller Lebensbereiche des Deutschtums, der Vereine, Nachbarschaften, Genossenschaften, Berufsstände etc., sowie die Erziehung der Jugend im nationalsozialistischen Sinne gefordert. Fritz Fabritius und die Volksgemeinschaft der Deutschen in Rumänien wurden am 6. Februar 1938 von der Regierung Octavian Gogas als alleinberechtigte Vertretung des rumänischen Deutschtums anerkannt.

Ende September 1940 wurde Andreas Schmidt, Schwiegersohn des Chefs des Berliner SS-Hauptamts, als neuer Führer der deutschen Volksgruppe in Rumänien eingeführt. In einem Brief an seinen Schwiegervater bezeichnete Schmidt die Volksgruppenführung noch am 18. Mai 1944 als „Bereich des Reichsführers-SS”.

Die politische Arbeit der Volksgruppenführung konnte gewisse „Erfolge“ verzeichnen: Die deutsche Minderheit wurde als juristische Persönlichkeit anerkannt, deutsche Bürgermeister und Vizebürgermeister wurden in verschiedenen Städten eingesetzt, Beschränkungen wurden aufgehoben und letztlich wurde die Schul- und Kulturautonomie erlangt und das deutsche Schulwesen ausgebaut.

Der politische Kurs der Ära Schmidt wurde jedoch zweifellos von breiteren Kreisen unter den Volksdeutschen Rumäniens nicht gebilligt. Sei es aus Solidarität mit dem im Krieg befindlichen „Reich”, sei es aus dem Verkennen des nationalsozialistischen Regimes, kam es jedoch an keiner Stelle zu offenem Widerstand.

Rumäniens Anlehnung an das Dritte Reich

Rumänien, nach dem Ersten Weltkrieg noch nach Frankreich orientiert, wandte sich ab 1934 aus wirtschaftlichen Gründen und auf der Suche nach einer neuen Schutzmacht dem nationalsozialistischen Deutschland zu.

Dem Besuch König Carols II. in Berchtesgaden am 24. November 1938 folgte der Abschluss des deutsch-rumänischen Wirtschaftsvertrages vom 23. März 1939, der Öl-Waffen-Pakt vom 29. Mai 1939 und letztlich am 23. November 1940, bereits unter General Ion Antonescu, der Beitritt Rumäniens zum Dreimächtepakt (Deutschland, Italien, Japan), der Rumänien am 22. Juni 1941 direkt in den Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion führte. Rumänien wurde zum wichtigsten Bündnispartner Deutschlands im Krieg gegen die Sovjetunion. 

   

König Carol II. beim Besuch
eines Dorfes im Banat

Quelle: Wikipedia

 

General Ion Antonescu
Quelle: Wikipedia

Als rumänische Staatsbürger leisteten die Banater Schwaben zunächst in der rumänischen Armee ihren Wehrdienst, bis 1943 ein Abkommen zwischen Berlin und Bukarest geschlossen wurde, wonach "volksdeutsche" rumänische Staatsbürger in die Wehrmacht und SS-Verbände rekrutiert wurden.

Rumänien wird kommunistisch

Ein Jahr später, am 20. August 1944, setzte die Rote Armee zum Großangriff auf Rumänien an und durchbrach die deutsch-rumänische Front. Ion Antonescu wurde am 23. August 1944 mit Unterstützung König Michael I. gestürzt, der zwei Tage später darauf hin Deutschland den Krieg erklärte.

Gheorghe Gheorghiu-Dej übernahm die Führung der Rumänischen Kommunistischen Partei und blieb der bestimmende Mann Rumäniens bis zu seinem Tod. Sein Nachfolger wurde 1965 Nicolae Ceauşescu.

Der Leidensweg der Banater Schwaben beginnt

Nach dem Frontwechsel Rumäniens begann für Teile der deutschen Bewohnerschaft des Banats die Flucht westwärts mit dem auf dem Rückzug befindlichen deutschen Heer. Die Mehrheit der Banater Deutschen verharrte aber in ihrer angestammten Heimat. Es folgten Jahre der Diskriminierung und Verfolgung, die Deportation der arbeitsfähigen Frauen und Männer zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, Enteignung, Entzug einiger staatsbürgerlicher Rechte, die zwangsweise Umsiedlung innerhalb Rumäniens sowie die pauschale Diffamierung als Faschisten. 

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