SHS - ein neuer Staat entsteht

Nach der Zerchlagung Österreich-Ungarns wurden die Siedlungsgebiete der etwa 1,5 Millionen Donauschwaben unter den Nachfolgestaaten Ungarn, SHS-Staat (Kraljevina Srba, Hrvata i Slovenaca, ab 1929 Kraljevina Jugoslavija) und Rumänien aufgeteilt. Im neu entstandenen SHS-Staat bildeten die Donauschwaben in ihren Siedlungsgebieten Vojvodina (Baranya, Batschka, West-Banat und Syrmien) und Slawonien eine nationale Minderheit von etwa 500.000 Menschen.

In den Pariser Friedensverträgen verpflichtete sich der SHS-Staat, im Gegenzug zu seiner völkerrechtlichen Anerkennung, den ethnischen Minderheiten in seinem Land Garantieen für eine eigenständige nationale Entwicklung zu geben. Eine verfassungsmäßige Verankerung dieser Garantien erfolgte jedoch nie. Sie blieben daher weitestgehend wirkungslos.

Fortschritte auf kulturellem Gebiet

Fortschritte konnten zunächst im Schul- und Pressewesen erzielt werden. Nicht zu letzt als Gegenpol zum vorhandenen starken magyarischen Einfluss versuchte die jugoslawische Regierung den Donauschwaben hier entgegen zu kommen. In Neusatz (Novi Sad) wurde 1919 das Deutsche Volksblatt und am 20. Juni 1920 der Schwäbisch-Deutsche Kulturbund gegründet. In Neu-Werbas wird im Mai 1920 das Gymnasium zu einer deutschen Anstalt. Der Kulturbund, der bis 1924 in 128 Ortsgruppen etwa 55 000 Mitglieder vereinte, widmete sich fortan der Pflege, Verbreitung und Überlieferung des Volkstums sowie der Ausbildung von Pfarrern und Lehrern. Unter der Leitung von Dr. Ludwig Kremling und Dr. Stefan Kraft entstand 1922 die Deutsche Partei. Ebenfalls 1920 wurde die später sehr erfolgreiche Genossenschaft Agraria ins Leben gerufen.

Rückschritte während der Königsdiktatur

Mit der außenpolitischen Festigung des SHS-Staates, begannen restriktive Maßnahmen gegenüber den Donauschwaben. Bereits 1922 wurde das gesamte Schulwesen verstaatlicht und der Kulturbund aufgelöst (ab 1927 wieder tätig) und sein Vermögen beschlagnahmt. Mit der Einführung der Königsdiktatur am 6. Januar 1929 durch König Alexander I. Karađorđević wurden alle erzielten Fortschritte wieder aufgehoben.

König Alexander I. Karađorđević
Quelle: Wikipedia

Die Deutsche Partei wurde verboten und blieb es auch über das Ende der Königsdiktatur am 3. September 1931 hinaus. Die Deutsche Partei, die anfangs 8 Mandate, zum Zeitpunkt ihrer Auflösung noch 6 Mandate im Parlament hatte, schloss sich der Regierungspartei an, die den Donauschwaben ein Mandat bei Wahlen überleiß.

Verbesserungen im Schulsystem

Obwohl sich die Minderheitenpolitik zunehmend verhärtete, konnte auf Initiative von Dr. Stefan Kraft am 29. Juni 1931 das staatliche Zugeständnis für deutsche Schulen und eine Schulstiftung erlangt werden. So konnte am 11. Oktober 1931 in Groß-Betschkerk eine private deutsche Lehrerbildungsanstalt eröffnet (am 26.September 1933 nach Neu-Werbaß verlegt) und am 23. Januar 1933 eine Stundentafel für die deutschen Klassen der höheren Volksschule eingeführt werden.

Lehrerbildungsanstalt in Neu-Werbaß
Quelle: Buch "Bilder aus Werbaß"

Die private deutsche Lehrerbildungsanstalt wurde jedoch erst 1940 vom Ministerrat gesetzlich anerkannt. Ein deutsches Vollgymnasium wurde erst am 23. August 1940 genehmigt (in Neu-Werbaß).

Auseinandersetzungen innerhalb der Volksgruppe

Ab 1933 kam es innerhalb der donauschwäbischen Volksgruppe zu verschärften Auseinandersetzungen. Die Auseinandersetzungen zwischen der älteren Generation (Hinwendung zur Doppel-Monarchie) und der jüngeren Generation (Hinwendung zum Deutschen Reich) drochten alles bisher errichte wieder in Frage zu stellen. Verschärft wurde der Konflikt noch durch die aufkommenden nationalsozialistischen Ideen. Die Spaltung in zwei Lager führte spätestens Mitte 1939 dazu, dass eine geschlossene Politik der Volksgruppe nicht mehr möglich war. Die Führung des nationalliberal bis nationalkonservativ eingestellten Kulturbundes wurde durch die von nationalsozialistischem Gedankengut beeinflusste und von reichsdeutschen Stellen (Volksdeutsche Meldestelle, Dienststelle des SS-Hauptamtes in Berlin) geförderte Erneuerungsbewegung abgelöst. Dr. Stefan Kraft trat als Obmann des Kulturbundes zurück. Sein Nachfolger wurde mit Dr. Sepp Janko ein Vertreter der Erneuerungsbewegung, der später den Titel Volksgruppenführer annahm. Es entstanden in der Folgezeit Organisationen wie die Deutsche Mannschaft, die Deutsche Jugend und die Deutsche Frauenschaft, die den NS-Organisationen des Deutschen Reichs nachgebildet wurden.

Für eine kurze Zeit, zwischen 1939 und 1941, erlebten die Donauschwaben einen kurzen Aufschwung in ihren Siedlungsgebieten. Nicht zu letzt profitierten auch sie vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes. In der Anlehnung an das Deutsche Reich sah insbesondere die Volksgruppenführung die Chance auf Fortbestand und auf Eigenleben innerhalb des multiethnischen Jugoslawiens. Die Masse der Donauschwaben war jedoch apolitisch eingestellt. Das Verhältnis zum Nationalsozialismus war wenig ausgeprägt und den nationalsozialistichen Ideen und Inhalten der Politik gegenüber eher uneinheitlich. Sieht man einmal von den ideologisch geschulten radikalen Erneuerern ab.

Blitzkrieg auf dem Balkan

Am 25. März 1941 unterzeichnete der jugoslawische Ministerpräsident Dragisa Cvetkovic in Wien den Beitritt Jugoslawiens zum Dreimächtepakt. Dieses Datum sollte zu einem entscheidenden Wendepunkt für das Leben der Donauschwaben in Jugoslawien werden. Bereits 2 Tage später wurde Ministerpräsident Cvetkovic durch General Dusan Simovic gestürzt. Mit dem Staatsstreich gingen nicht nur antifaschistische und antideutsche Massenbewegungen einher, die Putschisten schlossen auch einen Vertrag mit der Sovjetunion. Das Dritten Reichs sah seine Pläne bezüglich des bevorstehenden Krieges gegen Griechenland und des Aufmarsches gegen die Sovjetunion als gefährdet an. Am 6. April 1941 überfielen die Achsenmächte Jugoslawien. Nach 11 Tagen, am 17. April 1941, kapitulierte die Jugoslawische Regierung.

Die Folgen für die Donauschwaben

Als Folge der jugoslawischen Kapitulation wurde der Westbanat unter deutsche Militärverwaltung gestellt, die Baranya und die Batschka wurden Ungarn und Syrmien dem Satellitenstaat Kroatien angegliedert.

Im Zeitraum zwischen Juni und Oktober 1941 häuften sich die Sabotageakte der Partisanen im Westbanat. Die Volksgruppenführung stellte daraufhin ein nur das Banat verteidigendes Heimatschutz-Regiment namens Prinz Eugen auf. Dieses wurde schließlich im April 1942 auf einen Führerbefehl hin in SS-Freiwilligen-Gebirgsdivision Prinz Eugen umbenannt und im Oktober 1942 erstmals außerhalb des Banats gegen die Partisanen eingesetzt.

Am 27. Dezember 1941 wurde die Batschka, die Baranya und Prekmurje (Übermurgebiet) per ungarischem Gesetz staatsrechtlich Ungarn angegliedert. Die in diesen Gebieten lebenden Donauschwaben betrachteten sich fortan als Staatsbürger Ungarns. Die Ungarische Regierung gestand ihnen sogar eine parlamentarische Vertretung in Budapest zu, verlangte jedoch vom Kulturbund die Verschmelzung mit dem Volksbund der Deutschen in Ungarn (VDU). Die Donauschwaben erhielten das Recht, sich zu organisieren und Verbände zu gründen. Allen deutschen Kindern stand das Recht zu, in den Schulen einen muttersprachlichen Unterricht zu erhalten. Die entsprechende Ausbildung von Lehrern wurde von der ungarischen Regierung gefördert. Zu der Bürgerschule in Neu-Werbaß kamen jetzt weitere Bürgerschulen in Hodschag und Neusatz hinzu. Die Gymnasien in Apatin und Neu-Werbaß sowie die Landwirtschaftsschule in Futok und die private deutsche Lehrerbildungsanstalt in Neu-Werbas blieben erhalten.

Donauschwaben in der Waffen-SS

Im Sommer 1942 verfügte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler, dass für die Auslandsdeutschen "zwar nicht gesetzlich, aber aus dem ehernen Gesetze ihres Volkstums heraus Wehrpflicht" bestehe. Die Regierungen Ungarns, Kroatiens und Rumäniens wurden gezwungen, die Rekrutierung wehrfähiger deutscher Männer zum deutschen Heer, vornehmlich aber zur Waffen-SS zu gestatten. Um völkerrechtlich gedeckt zu sein, wurden die Rekrutierungen als Freiwilligen-Aktionen ausgegeben. Ungarn trat die Wehrhoheit über seine deutschen Bürger am 14. April 1944 ab, so dass von diesem Tag an die gesetzliche Wehrpflicht offiziell von der Waffen-SS eingefordert werden konnte. Es gab jedoch auch Ungarndeutsche, die lieber in die ungarische Armee eintraten. Von den Donauschwaben Jugoslawiens dienten etwa 93 000 als Soldaten verschiedener Heere.

Kriegsverbrecherprozesse gegen donauschwäbische Waffen-SS Angehörige aus der Batschka oder Jugoslawiens liegen keine vor. Zu Vernichtungsaktionen gegen Juden wurden donauschwäbische Waffen-SS Soldaten aus Ungarn oder Jugoslawien nicht herangezogen.

AVNOJ erklärt Deutsche zu Volksfeinden

Nach dem Rückzug der deutschen und ungarischen Truppen aus dem Westbanat, der Batschka, der Baranya und Syrmiens und der "Befreiung" durch die Rote Armee, fasste der AVNOJ (Antifašističko vijeće narodnog oslobođenja Jugoslavije = Antifaschistischer Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens) am 21. November 1944 einen Erlass, wonach die Deutschen zu Volksfeinden erklärt wurden.

Auf Basis dieses Erlasses wurden bis Ende November 1944 im Westbanat, in der Batschka, in Syrmien und der Baranja 7.000 donauschwäbische Zivilisten ermordet. Bis Ende 1945 starben in den jugoslawischen Internierungslagern an Seuchen, an Folterungen oder durch Verhungern 24.000 Kinder, Frauen und Betagte, bis März 1948 weitere 20.000 Menschen. Etwa 30.000 Donauschwaben wurden in die Sovjetunion deportiert. Etwa 4.000 bis 6.000 Deportierte fanden dabei den Tod.

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