Flucht und Vertreibung der Pusztávamer

Als im Oktober 1944 die unendlichen Flüchtlingstrecks aus dem Banat und der Batschka durch die fast rein deutsche Siedlung Pusztávam zogen, war auch für die 2416 deutschen Einwohner des Dorfes die Zeit für eine Entscheidung gekommen: zu Bleiben und auf das Wohlwollen der Sieger zu vertrauen oder mit wenigen Habseligkeiten zu flüchten. Etwa 600 bis 800 Personen entschlossen sich zur Flucht.

Unter der Leitung von Franz Stammler, des kommissarischen Bürgermeisters von Pusztávam, wurde am 9. Dezember 1944 ein Teil der Pusztávamer Bevölkerung mit Zügen in Richtung Österreich, sowie in die Tschechoslowakei und nach Schlesien geschickt, wo sie wahrscheinlich zwischen die Fronten gerieten.

Am gleichen Tag versammelten sich vor dem Gemeindehaus 39 Gespanne mit 73 Personen, um in einem geschlossenen ersten Treck über Sopron (Ödenburg) Österreich zu erreichen. Beim Grenzübertritt in Ebenfurth wuirden 8 Gespanne samt Habe beschlagnahmt. Die wehrtauglichen Männer wurden eingezogen und in die Kampfhandlungen geschickt. Bis Neujahr blieb der übrige Treck, hauptsächlich Frauen mit Kindern und ältere Personen, in Zillingdorf bei Wiener Neustadt.

Ein zweiter Treck mit 17 Gespannen setzte sich am 17. Dezember 1944 in Richtung Österreich in Bewegung, musste aber aufgrund schlechten Wetters und schlechter Straßen wieder umkehren. Nur wenige setzten die Flucht per Bahn fort.

Am 3. Januar 1945 versuchten weitere 15 Familien die Flucht nach Westen, mussten aber schon in Kisber ihre Gespanne zurück lassen. Sie setzten ihre Flucht per Bahn fort und gelangten über Bratislava (Pressburg) und Prag letztlich Kolinetz in der Tschechoslowakei. Von dort wurde ein Teil der Flüchtlinge noch nach Sachsen evakuiert. Den größeren Teil holte jedoch die vordringende Rote Armee ein. Sie wurden von den Russen wieder "nach Hause" zurück geschickt.

Am 6. Januar 1945 wurde der erste Treck in Waggons verladen und kam über München, Starnberg und Bichl am 7. Januar 1945 in Beuerberg an. Die Familien wurden auf behördliche Anordnung hin in den umliegenden Bauernhöfen einquartiert. Die Pferde bekam das Gut Boschhof. Später, im Herbst 1945, kamen 12 Familien auch im Gut Schwaigwall unter.

Aus den verschiedenen Sammellagern in der Tschechoslowakei und in Österreich holte Franz Stammler viele seiner Landsleute noch vor dem Kriegsende nach Beuerberg.

 

Franz Stammler
Quelle: Stadtarchiv Geretsried

 

Von Januar 1946 bis Juni 1948 wurden die verbliebenen Deutschen planmäßig und organisiert aus ihren Heimatdörfern in Ungarn vertrieben. Am 11. Februar 1948 mussten 611 Pusztávamer zwangsweise ihren Heimatort verlassen. Zusammen mit weiteren 890 Personen aus Mór, Isztimér, Balinka, Bakonykúti und Guttamási wurden sie mit der Eisenbahn ins Lager Pirna (Sachsen) und kurz darauf nach Wolfen (Sachsen-Anhalt) verfrachtet. Etwa die Hälfte dieser Vertriebenen setzte sich nach Bayern ab.

Geretsried – die neue Heimat der Pusztávamer

Trotz der großen Unterstützung durch die Beuerberger war die Wohnraum-Situation der Flüchtlinge auf Dauer nicht tragbar. Es gab auch nicht genug Arbeit in der Landwirtschaft.

Arbeit gab es dagegen ab dem 1. August 1946 bei der Demontage der Produktionsanlagen der Deutschen Sprengchemie (DSC) und ab 1947 der Dynamit Nobel AG (DAG) auf dem Gelände der späteren Gemeinde Geretsried, sowie in den ersten Gewerbebetrieben, die ab dem 8. Mai 1946 (Firma Rudolf & Co.) nach und nach aufgebaut wurden.

Ihren Arbeitsplätzen folgend, zogen alsbald die ersten Pusztávamer Familien als Mieter in einige halbwegs bewohnbare Bunker ein – insbesondere im Bereich zwischen Tulpenstraße und Traubenweg. Hier entstand nach und nach durch den Zuzug aller ehemaligen Pusztávamer Trecker eine nahezu geschlossene ungarndeutsche Siedlung. Einige dieser Bunker am Traubenweg sind auch heute noch bewohnt.

 

   

 

Neubeginn im Traubenweg
Quelle: Stadtarchiv Geretsried

 

Ausgebaute Bunker 60 Jahre später

 

Die Dr.-Jakob-Bleyer-Siedlung entsteht

Mit viel Eigenleistung und Nachbarschaftshilfe wurden die Bunker zu brauchbaren Unterkünften hergerichtet. Eine Aufbauleistung, die vom Vermieter, der bundeseigenen IVG nicht honoriert wurde. Im Gegenteil: es wurden überhöhte Pachten und Mieten erhoben. Alle Investitionen in den Umbau der Bunker gingen in das Eigentum der IVG über. Die damit verbundene Wertsteigerung der "Immobilien" wurden als Grund für die Mietpreissteigerungen angeführt. Beim Kauf eines Bunkers sollten die Mieter die durch Eigenleistung erzielte Wertsteigerung nochmals bezahlen.

Im Jahr 1955 erhöhte die IVG nochmals drastisch die Mieten, was nicht nur zu massiven Protesten der Bürger führte, sondern am 1. April 1955 auch zum (vorübergehenden) Rücktritt von Bürgermeister Karl Lederer.

 

Bürgermeister Karl Lederer 1955
Quelle: Stadtarchiv Geretsried

 

Um eine bessere Verhandlungsposition gegenüber der IVG zu bekommen, schlossen sich die Bewohner der Siedlung zwischen Tulpenstraße und Traubenweg im Jahr 1955 unter der Führung von Josef Wenus und Andreas Netzkar zu einer Interessensgemeinschaft zusammen, der es schließlich gelang, einen günstigen Preis mit der IVG auszuhandeln und die hergerichteten Grundstücke und Bunker zu erwerben.

Geretsried zählte zu diesem Zeitpunkt 370 Gebäude und 4360 Einwohner. Etwa 300 davon waren Donauschwaben, vorwiegend Pusztávamer.

Die Siedlung zwischen Tulpenstraße und Traubenweg erhielt am 28.September 1956 per einstimmigem Gemeinderatsbeschluss, auf Antrag von Gemeinderat Josef Stammler, den Namen Dr.-Jakob-Bleyer-Siedlung.

 

Josef Stammler
Quelle: Stadtarchiv Geretsried

 

Deutsche aus der Batschka, aus Syrmien, aus Ungarn und dem Banat

Zwischen 1946 und 1958 kam es auch zum Zuzug von Donauschwaben aus allen anderen ehemaligen Siedlungsgebieten. Dies geschah jedoch nicht mehr in dem Maße, wie beim Zuzug der Pusztávamer, sondern eher vereinzelt. Dieser Zuzug war meist durch bereits in Geretsried oder der Umgebung lebende Verwandte, insbesondere aber durch die sich verbessernden Arbeitsmöglichkeiten in und um Geretsried motiviert.

Verursacht wurde dieser Zuzug in erster Linie durch die ab dem 22.Dezember 1945 einsetzende Aussiedlung der Deutschen aus Ungarn (ab 11.Februar 1948 waren auch die in Pusztávam verbliebenen Deutschen an der Reihe), die Flucht der Batschka-Deutschen aus den Internierungslagern in Jugoslawien und ab 1955 durch die Möglichkeit der Banater Schwaben, nach und nach Rumänien verlassen zu können.

Diese Donauschwaben bildeten keine geschlossene Gruppe mehr. Sie siedelten daher verstreut in allen Ortsteilen der Gemeinde Geretsried.

Donauschwaben im Durchgangslager Stein

Zur nächsten bedeutenden Zuzugswelle der Donauschwaben nach Geretsried kam es dann erst wieder mit der Errichtung eines Regierungs-Durchgangslagers für Aus- und Umsiedler, das am 1. Januar 1959 im Ortsteil Stein fertiggestellt und bezogen wurde.

Bis zum 30. Juni 1997 haben insgesamt 25.226 Personen dieses Durchgangslager durchlaufen. Davon sind 5.929 in Geretsried sesshaft geworden. Von diesen 5929 Personen kamen 580 aus dem Banat, 345 aus Jugoslawien und 27 aus Ungarn

 

Durchgangslager Stein
Quelle: Stadtarchiv Geretsried

 

Südostdeutsche Landsmannschaft Geretsried e.V.     office@suedostdeutsche.de