Kaiser Joseph II. war davon überzeugt, dass die Landwirtschaft die einzige Quelle des Reichtums sei, die Wertschöpfung daher nur in diesem Wirtschaftssektor erfolgen sollte.

Kaiser Joseph II.
Maler: Anton von Maron
Quelle: Wikipedia

Als Monarch des Zeitalters der Aufklärung verabschiedete er sich von der merkantilistischen Wirtschaftspolitik seiner Mutter Maria Theresia. Seine Wirtschaftspolitik war physiokratisch geprägt. In diesem Sinne muss auch seine Siedlungspolitik gesehen werden. Folglich sollten die ausreichend vorhandenen, aber ungenutzten oder nur extensiv bewirtschafteten Bodenflächen zum Wohle des ganzen Staates erschlossen werden. Kaiser Joseph II. nahm daher die 1772 von seiner Mutter eigestellte Besiedlung der ungarischen Kronländer wieder auf.

Joseph II. erläßt Toleranzpatent

Auch in einem anderen Punkt änderte Joseph II. die Siedlungspolitik seiner Vorgänger. Mit seinem Toleranzpatent des Jahres 1781, für Ungarn am 21. Dezember 1781 erlassen, ermöglichte er den durch den Westfälischen Frieden anerkannten protestantischen Kirchen (Lutheranern und Reformierten) und den Orthodoxen in den Habsburger Kronländern erstmals seit der Gegenreformation wieder die Religionsausübung.

Somit war insbesondere den Protestanten, die im Südwesten des Deutschen Reiches zahlreichen Repressalien ausgesetzt waren, das Tor nach Ungarn offen. Von 1773 bis 1787 kam es somit zum Dritten Großen Schwabenzug.

Siedlungsgebiete

Während sich die Ansiedlungen unter Karl VI. und Maria Theresia vorwiegend auf den Banat konzentrierten und die übrigen ungarischen Gebiete eher zurück stehen mussten, waren für Joseph II. die Ziele für seine Ansiedlungen zunächst in Galizien-Lodomerien und später vorzugsweise in der Batschka und dem Banat.

Situation in den Auswanderungsgebieten

Anders als beim Ersten und Zweiten Großen Schwabenzug waren Kriegsfolgen (Verwüstungen, Drangsalierungen) oder die schlechte Ernährungslage keine Gründe für die Auswanderung. Die Gründe lagen vielmehr in den allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen und demographischen Gegebenheiten des späten 18. Jahrhunderts. Die Bevölkerung hatte durch weniger Kriegswirren, dem Aufschwung von Handel und Gewerbe, dem Ausbleiben von Seuchen und Hungersnöten und dem damit verbundenen steigenden Durchschnittsalter stark zugenommen. Mit dem starken Bevölkerungswachstum konnte die landwirtschaftliche Produktion nicht Schritt halten. Die Überbevölkerung fand ihr Ventil in der Auswanderung.

Herkunftsgebiete der Siedler

Die Herkunftsgebiete der josephinischen Siedler waren die deutschen Kleinstaaten des Südwestens und Westens, Lothringen, Elsaß, Württemberg und Baden. Ebenso die protestantischen Gebiete in Schwaben und dem Oberrheinischen Reichskreis mit Hessen und der Pfalz.

Reisegelder und Anfangshilfe für die Siedler

Mit einem Dekret vom 21. März 1783 an die Königliche Ungarische Hofkammer verfügte Joseph II., dass "den ausländischen Einwanderern (...) sechs Gulden unter der Bezeichnung Reisespesen ausgezahlt werden sollen, und dass sie, soweit es die Umstände zulassen, auf verlassenen Sessionen angesiedelt und sie mit den nötigen Mitteln für den Lebensunterhalt versehen werden sollen, und dass ihnen auch mit dem erforderlichen Saatgut für den ersten Anbau ausgeholfen wird".

Die Königliche Ungarische Hofkammer war auf Basis dieses Dekrets bereit, für die Einwanderer in Ungarn die gleichen Ansiedlungsbedingungen einzuräumen wie in Galizien.

Mit seiner Resolution Nr. 558 vom 23. Januar 1784 machte Joseph II. nochmals deutlich, dass die Einwanderer mit Grundstücken, Häusern und den erforderlichen Hilfsmitteln zu versehen sind. Unter diesen "Hilfsmitteln" waren Zug- und Nutztiere, Wägen, Pflüge und landwirtschaftliche Geräte zu verstehen. Den Siedlern wurden darüber hinaus 10 Freijahre gewährt, eine Befreiung von allen herrschaftlichen Abgaben und Dienstleistungen auf den Kameralgütern.

(Bemerkung: Das in verschiedenen Quellen immer wieder zitierte Ansiedlungspatent vom 21. September 1782 hält einer historischen Überprüfung nicht Stand und muss wohl als Fälschung angesehen werden.)

Werbekommissäre im Deutschen Reich

Im Deutschen Reich arbeiteten drei Ansiedlungskommissionäre: Graf Metternich-Winneburg in Koblenz und Bonn, Johann Franz von Röthlein in Frankfurt a.M. und Hofrat Franz von Blank in Rottenburg am Neckar. Auf eine Anfrage, wie viele Siedler im Jahr 1784 aufgenommen werden können, erhielt Röthlein am 26. Februar 1784 von der Böhmisch-Ungarischen Hofkammer die Weisung "alle Ackersleuthe, wenn sie von mittleren Jahren, wohlbestellter Leibes Constitution und 100 Gulden an Vermögenmit sich bringen, nicht minder alle Müller, Tischler, Zimmer-Leuthe und Comercial Professionisten" zur Ansiedlung zuzulassen, sie mit den entsprechenden Papieren auszustatten und sie zur Ansiedlung in Ungarn statt in Galizien-Lodomerien zu überreden.

Galizien wird von den Siedlern bevorzugt

Obwohl die Werbekommissäre in den wichtigsten Zeitungen der Auswanderungsgebiete wiederholt darauf hinwiesen, dass nur die Personen, die registriert und mit den entsprechenden Pässen ausgestattetin wurden in den Genuss der versprochenen Ansiedlungsvorteile kommen, nahm die Zahl "ilegaler" Auswanderer stetig zu. Der Kaiser verfügte daher am 16. Mai 1784 die gleichberechtigte Annahme von passlosen Siedlern. Die passlosen Siedler wurden in Wien zur Ansiedlung nach Ungarn eingeteilt. Siedler mit dem Pass-Vermerk Galizien oder Ungarn wurden ebenfalls nach Ungarn geschickt - oft gegen ihren ausdrücklichen Willen, denn die meisten Siedler wollten nach Galizien.

Höhepunkt und Einstellung der Ansiedlung

Zum Höhepunkt der josephinischen Ansiedlung stellte die Ungarische Hofkanzlei am 12. Februar 1785 fest, man habe alle Siedler "ohne Unterschied eines mehreren, wenigeren oder gar keinen Vermögens angenommen und ihnen all jene Vortheile zuzuwenden verordnet".

Der Andrang von Siedlern wurde letztlich so groß, dass die Ungarische Hofkanzlei am 23. März 1787 in der Frankfurter Kayserlichen Reichs-Ober-Post-Amts-Zeitung die Einstellung der Ansiedlung in Ungarn verlauten ließ.

Ansiedlung in der Batschka

Die planmäßigen josephinischen Ansiedlungen in der Batschka beginnen mit dem Jahr 1784. Aufgrund der vielen Missstände bei der Besiedlung in Galizien-Lodomerien, befahl Joseph II. am 30. Juni 1783 der Böhmisch-Österreichischen Hofkanzlei, die Siedler künftig nach Ungarn umzuleiten.

Die erste Ansiedlergruppe für die Batschka von 7 Personen traf am 3. Mai 1784 in Sombor ein. Bis zum 14. September 1784 wurden in Sombor 508 Familien mit 2252 Personen registriert.

Die Ansiedlung organisierte Julius von Weißenbach, der Ansiedlungskommissär der Somborner Kameraladministration. Zum Zeitpunkt des Eintreffens der ersten Siedler waren jedoch, außer allgemeinen Planungsüberlegungen, noch keinerlei Vorbereitungen getroffen. Insbesondere fehlte es an Häusern in den schon bestehenden deutschen Ortschaften. Die ersten Siedler wurden daher zunächst in St. Iwan, Piwnitza, Kutzura, Keer, Schowe, Silbasch und Werbas in Militärquartier-Häuser untergebracht.

Weißenbach mußte schnell handeln und improvisieren. "Ich besorgte sogleich Strohsäcke, und Kotzen, erkaufte Bohnen, gerstel, Grundbirn und andere Zugemüße, ließ Brot backen, Mehl mahlen, verschaffte jedem Haus einige Melck-Kühe, und bemühte mich. daß sowohl Erwachsene als Kinder jeden Tag ihre nothwendige Nahrung und reinliche Lagerstätte erhielten, und demnach keine Seele nothleidet." Auf eigene Verantwortung hin ließ Weißenbach die Siedler von einem Chirurgen versorgen. Er ließ ein Lazarett einrichten und Wöchnerinnen in St. Iwan von einer Hebamme betreuen.

Die ersten 250 neuen Häuser wurden alsbald in Torscha errichtet. Die Ungarische Hofkammer genehmigte am 18. Januar 1785 die Errichtung des Dorfes Tscherwenka. Es folgten darauf die Ansiedlungen in Neu-Palanka und Neu-Werbas. Die Kameralansiedlung in der Batschka fand schließlich 1787 mit der Errichtung der Häuser für die Siedler in den Dörfern Jarek, Parabutsch und Stanischitsch ihr Ende.

Ansiedlung im Banat

Während seine Mutter Maria Theresia vor allem das Ziel verfolgte, die Bevölkerungszahl im Banat zu erhöhern, was nur mit dem Zuzug von "Ausländern" möglich war, siedelte Joseph II. als überzeugter Physiokrat nur dann "Ausländer" an, wenn von ihnen eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Methoden zu erwarten war. Siedler wurden im "Ausland" bevorzugt in solchen deutschen Gegenden angeworben, die, wie etwa die Pfalz, im Ruf standen, eine besonders hoch entwickelte Landwirtschaft zu haben. Es wurden aber auch gezielt "Inländer" angeworben, oft aus dem Nachwuchs der älteren banatischen Ansiedlungen.

Die ersten so entstandenen "Nachwuchs-Dörfer" waren 1778 und 1780 Lowrin und Gertianosch auf der Schwäbischen Heide.

Die eigentliche josephinische (Kameral-)Ansiedlung begann aber auch im Banat erst 1784. Ziel war zunächst die Besiedlung des weniger fruchtbaren Wald- und Berglandes südöstlich von Temeswar, da die fruchtbareren Gebiete in der Ebene bereits besiedelt waren. Insgesamt siedelte Joseph II. etwa 3 000 deutsche Familien an, von denen ein Teil bereits banatischer Nachwuchs war.

1784 wurden Nitzkydorf, Rittberg und Moritzfeld für deutsche Siedler gegründet. Deutsche Sioedler kamen 1785 nach Ebendorf, 1786 nahm Liebling 200 reichsdeutsche Protestantenfamilien auf. Morawitza, ursprünglich für Rumänen gegründet, wurde zwischen 1784 und 1786 mit deutschen Siedlern besetzt. Orzydorf nahm zwischen 1784 und 1786 deutsche Siedler und banatische Deutsche auf. In etwa dem gleichen Zeitraum wurde Freudental für 152 deutsche Familien angelegt und das Dorf Traunau für deutsche und französische Familien gegründet

Die Privatansiedlungen während der Regierungszeit Joseph II. waren ebenfalls beträchtlich. Deutsche Siedler spielten dabei aber keine so bedeutende Rolle, wie bei den Kameral-Ansiedlungen. Insbesondere für den Tabak-Anbau wurden gerne ungarische und slowakische Bauern angesiedelt.

Durch die Privatansiedlungen stieß das Verbereitungsgebiet der deutschen Siedler zum ersten Mal von Temeswar Richtung Südosten vor. Mit dem Zuzug deutscher Siedler in den Dörfer Iwanda, Rudna, Dolatz, Madosch, Sanktgeorgen und Tschawosch entstand allmählich eine deutsche Siedlungsverbindung zwischen Temeswar und Großbetschkerk.

Der russisch-österreichische Türkenkrieg von 1788-1791 setzte der weiteren Ansiedlung erst einmal ein Ende. Da die gefährdeten Gebiete im Banat rechtzeitig evakuiert wurden, war der Bevölkerungsverlust lange nicht so gravierend wie in den vorhergegangenen Türkenkriegen.

Bilanz des Dritten Großen Schwabenzugs

In der kurzen Zeit zwischen 1784 und 1787 wurden in Ungarn 9 812 Familien mit etwa 45 000 Personen untergebracht. Davon siedelten sich über 40% in der Batschka, über 30% im Banat, 5% in der Schwäbischen Türkei und 3% im Ofener Bergland an. Die übrigen ungarischen Gebiete profitierten nur in geringem Maß vom Ansiedlerstrom des Dritten Schwabenzugs.

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