Das Osmanische Reich muss Ungarn wieder aufgeben

Unter der Führung von Ludwig Wilhelm I. von Baden (Türkenlouis), Max Emanuel von Bayern und Prinz Eugen von Savoyen konnte in den folgenden Jahren nach der Befreiung Budas mit den Siegen in der Schlacht bei Zenta und in der Schlacht von Peterwardein das Königreich Ungarn von den Osmanen befreit werden.

 

      

Max Emanuel von Bayern
Maler: Joseph Vivien
Quelle: Wikipedia

 

Prinz Eugen von Savoyen
Maler: Jacob von Schuppen
Quelle: Wikipedia

 

Ludwig Wilhelm I. von Baden
anonymer Künstler
Quelle: Wikipedia

Mit dem Frieden von Karlowitz am 26. Januar 1699 endete der Große Türkenkrieg. Dem zu folge musste das Osmanische Reich ganz Ungarn einschließlich Siebenbürgens, eines großen Teil von Slawonien, aber (noch) ohne dem Banat von Temesvar an Österreich abtreten.

1716 bis 1718 kam es zu einem weiteren Türkenkrieg. Am 22. August 1717 konnte Prinz Eugen von Savoyen die Festung Belgrad erobern. Der anschließende Friede von Passarowitz vom 21. Juli 1718 vergrößerte Österreich um das nördliche Serbien (Syrmien), den Banat und die westliche Walachei.

Situation nach Ende der Türkenherrschaft

Seit der Beendigung der Belagerung Wiens durch die Türken waren 35 Jahre vergangen, in denen Ungarn durch die Kriegswirren weitestgehend verwüstet und zum großen Teil auch entvölkert wurde.

Die Komitate Tolna, Baranya, Somogy, Batschka, sowie das Banat, Slawonien und Syrmien waren durch die Verheerungen des Krieges und der Türkenzeit am schwersten mitgenommen. Da nur wenig brauchbares Zahlenmaterial vorliegt, ist es schwer, das tatsächliche Ausmaß der Entvölkerung Ungarns anzugeben. Hier nur einige Beispiele:

Die Komitate Tolna (südliches Zentral-Ungarn) und Baranya hatten im 15. Jahrhundert die größte Bevölkerungsdichte in Ungarn und gehörten zu den reichsten und steuerkräftigsten Kommitaten. 1495 zählte man in Baranya 922 Dörfer und 27 Städte mit 15 018 Steuerzahlern, in Tolna 540 Dörfer und 21 Städte. 1696 gab es nur mehr 110 bewohnte Dörfer mit 2 554 Steuerzahlern, im Komitat Tolna nur mehr 28 bewohnte Orte mit weniger als 1 000 Steuerzahlern.

Während der türkischen Besatzungszeit hatte sich die ungarische Bevölkerung aus der Batschka zum größten Teil nach Ober-Ungarn zurückgezogen. Ihre Stellung nahmen größere serbische Volksteile ein, die den Türken gefolgt waren. Diese verschwanden aber noch während der Türkenzeit. Ende des 17. Jahrhunderts erfolgte noch einmal ein Zustrom im Rahmen der großen Serbenwanderung. Der türkische Großwesir verzichtete 1693 darauf sein Heer über die Theiß zu setzen, da die Batschka durch die Verheerungen der vergangenen Jahre nicht mehr in der Lage war, eine große Armee zu versorgen. Die Bevölkerungserfassung des Jahres 1699 zählte in der Batschka nur mehr 52 Dörfer mit 2305 Familienoberhäuptern.

Der Banat wurde in den letzten 10 Kriegsjahren nahezu entvölkert. Im Jahr 1717 ermittelte die österreichische Administration im Banat noch 21 089 Haushaltungen mit (geschätzten) 127 000 Menschen, vorwiegend Serben und Rumänen. Dies bedeutet eine Bevölkerungsdichte von nur 3 Menschen je Quadrat-Kilometer.

Slawonien hatte durch Kriegseinwirkungen und Kriegsfolgen etwa 80% seiner Einwohner verloren. Syrmien hatte fast keine Bewohner mehr. Vor allem die Städte hatten durch den Abzug ihrer türkischen Bewohner ihre Bevölkerung weitest gehend verloren. Der 1700 an die Adeligen ergangene Aufruf, ihre Familienrechte anzumelden, blieb ohne Resonanz, da die meisten Familien ausgestorben waren.

Die Bewohner der mittelalterlichen deutschen Siedlung in Sathmar hatten sich teils assimiliert, teils waren sie den Mongolen, später den Türken und schließlich dem Kuruzzenaufstand zum Opfer gefallen.

Wiederaufbau und Neuansiedlungen bis 1722

Kaiser Leopold I. ließ nach dem Frieden von Karlowitz Pläne für einen raschen Wiederaufbau und für die Ansiedlung von Kolonisten ausarbeiten. Bischof Graf Leopold Kollonitsch stellte ein Gesamtkonzept vor, das den Abzug der kaiserlichen Truppen, eine gerechte Verteilung der Steuerlasten und die Ansiedlung deutscher Kolonisten ermöglichten sollte.

Impopulationspatent Kaiser Leopold I.
Quelle: Buch "Die Donauschwaben"

Leopold I. verabschiedete daraufhin am 11. August 1689 das erste Impopulationspatent, das sich an alle Personen richtete, "welche sich in gedachten Königreich Ungarn und dem selben angehörigen Landen Häußlich nider zulassen Lust und Sinn haben, sowohl in Städten, als auff dem Landt, für freie Bürger und Unterthanen".

Die Privatkolonisation

Typisch für die Neuansiedlungen in den Jahren bis 1722 waren ihr privater Charakter. Der Kaiser hatte nach der Rückeroberung des ungarischen Königreichs Ländereien an besonders verdiente Persönlichkeiten vergeben. Dazu zählten auch Prinz Eugen von Savoyen und Graf Claudius Florimund Mercy. Treibende Kräfte waren aber auch Abteien und Bistümer und adelige Grundbesitzer, die auf ihren zurück erhaltenen Ländereien Arbeitskräfte benötigten.

Die erste Phase der Ansiedlung wurde von den neuen und alten ungarischen Großgrundbesitzern privat organisiert und konzentrierte sich anfangs auf das Ofener Bergland und die Schwäbische Türkei. In der Frühphase wurden die Siedler aus den dichter besiedelten Komitaten Ober- und Westungarns angeworben. Der rasch anwachsende Arbeitskräftebedarf konnte so aber nicht befriedigt werden. Es wurden daher in der Folge bevorzugt deutsche Siedler angeworben. Hier nur einige Beispiele aus den donauschwäbischen Siedlungsgebieten:

Ofener Bergland

Schon bald nach der Befreiung Ofens, kamen die ersten deutschen Siedler im Ofener Bergland an. 1692 wurde Werischwar (Pilisvörosvár) und 1696 Weindorf (Pilisborosjenö) besiedelt. Zum Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden auf den Gemarkungen des Grafen Peter Zichy de Vásonkeö die Orte Schambeck (Zsámbek), Johannistal (Budakeszi), Budaörs, Krottendorf (Békásmegyer), Plintenburg und Bugdam (Dunabogdány) - mit Siedlern aus Württemberg und Bayern. An der Besiedlung der meisten Dörfer im Ofener Bergland waren typischerweise immer mehrere Grundherren beteiligt.

Eine rege Kolonisationstätigkeit entwickelte Graf Josef Esterházy, der im Donauwinkel die Dörfer Augustin, Ugalla und Niglo und im Schildgebirge die Dörfer Ogalla, Schemling, Geßtitz, Ketschke und Totis mit Franken und Elsässer besiedelte.

Die Städte Ofen (Buda) und Pest entwickelten sich immer mehr zu deutschen Städten. 1715 hatten die Deutschen in Buda und Pest einen Bevölkerungsanteil von über 50%. Fünf Jahre später lebten in Buda schon in etwa 60% aller Häuser deutsche Familien.

Schwäbische Türkei

Ende des 17. Jahrhunderts holte der Abt Ferenc Jány von Pécsvárad auswanderungswillige Siedler aus Südwestdeutschland in die Baranya - durchwegs wohlhabende Bauern und Handwerker, die mit ihrem Eigentum und mit ausreichend Geld ins Land kamen.

Der Bischof von Fünfkirchen (Pécs), Mátyás Ignác Radanay, erklärte sich 1688 bereit, die durch den Pfälzischen Erbfolgekrieg in Not geratenen Schwaben in seinem Gebiet aufzunehmen. Allerdings nur Katholiken. In der Stadt Fünfkirchen (Pécs) war 1698 bereits jeder sechste Haushalt deutsch. Die deutsche Bürgerschaft stellte jedes zweite Jahr den Bürgermeister.

Aus der Bevölkerungserfassung geht hervor, dass sich im Komitat Tolna im Jahr 1715 48 deutsche Familien, im Jahr 1720 bereits 187 deutsche Familien angesiedelt hatten. Die Ansiedlungen trieben vor allem die Grafen Esterházy, Döry, Wallis und Mercy voran. Mercy offnete seine Ländereien im Komitat Tolna auch für Protestanten. Das Komitat entwickelte sich so später zum Zentrum des Protestantismus in Ungarn.

Grundsätzlich war die Neubesiedlung in der Schwäbischen Türkei jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Die Grundherren hatten zwar die besten Absichten, sie waren aber meist nicht in der Lage die Ansiedlung zu organisieren. So fehlte es den ersten Siedlern an Unterkünften, Vieh und Saatgut. Viele Ansiedler kehrten völlig verarmt wieder in ihre alte Heimat zurück.

Batschka

Nach dem Abzug der Türken aus der Batschka setzte dort sowohl eine private wie auch staatlich organisierte Ansiedlung ein. Die Ansiedlung hatte jedoch in diesem Teil Ungarns nicht den Charakter einer Impopulation sondern einer Kolonisation.

Die älteste deutsche Ansiedlung entstand in der Batschka in der Gemarkung des Ortes Alt-Futok an der Donau, unweit von Neusatz. Die ersten deutschen Ansiedler in der Batschka waren vorwiegend Handwerker. Sie siedelten sich in den wirtschaftlichen Zentren an, so auch in der Peterwardeiner Schanze, dem späteren Neusatz (Novi Sad). 1715 lebten hier 37 bürgerliche Familien, davon 15 deutsche, 2 ungarische, 2 jüdische und 18 serbische Familien. Als Stadtrichter wurde abwechselnd ein Deutscher und ein Serbe gewählt. Eine bäuerliche Ansiedlung kann in der Batschka erst Ende der 20er Jahre des 18. Jahrhunderts festgestellt werden. Tschatalia, im Nordwesten an der Donau gelegen, war das erste deutsche Dorf, mit Siedlern aus der Pfalz, Baden, Lothringen und Franken.

Slawonien und Syrmien

In Slawonien und Syrmien waren es Handwerker und Gewerbetreibende die sich zu nächst ansiedelten. Sie wurden für den Wiederaufbau von Festungen und Städten benötigt. Die Ansiedlung von Bauern kam nur zögerlich in Gang und bei weitem nicht im Maße, wie in den Komitaten nördlich der Donau und Drau. Verantwortlich dafür war die immer noch bestehende Bedrohung durch die Türken, aber auch ein überhand nehmendes Räuberunwesen. Mit Ausnahme der ostsyrmischen Lößplatte war das Land größten Teils noch Urwald und damit für eine bäuerliche Ansiedlung wenig geeignet.

Banat

Nach dem Abzug der Türken aus dem Banat gab es dort nur mehr 250 Handwerker und 70 jüdische und serbische Kaufleute. Für den Festungs- und Straßenbau sollten daher deutsche Handwerker ins Land geholt werden. Im Frühjahr 1718 kamen 300 Handwerker (Maurer, Zimmerer, Ziegler) in den Banat. In den österreichischen Besitzungen westlich von Tirol und in den innerösterreichischen Ländern wurde mit einer gezielten Auswandererwerbetätigkeit begonnen. Die systematische bäuerliche Kolonisation setzte jedoch erst ab 1722 im Banat ein.

1717 richtete die Wiener Hofkammer in Temeschburg (Timişoara) eine Bergwerkseinrichtungskommission ein, die deutsche Bergleute aus der Zips, der Steiermark, aus Tirol, Salzburg und Böhmen holte. Im Banater Bergland entstanden so die Orte Orawitza, Bogschan, Dognatschka und Gallina.

Sathmar

Graf Alexander Károlyi sandte 1720 Werber in die Städte und Dörfer Ost-Württenbergs aus. Er benötigte Siedler auf seinen Gütern im Komitat Sathmar. Die ersten schwäbischen Einwanderer, 27 Familien, trafen 1720 ein und wurden in Fienen und Schinal angesiedelt. Im Jahr 1722 folgten dann weitere oberschwäbische Familien. 7 Familien wurden in Schinal, 20 Familien in Fienen und 55 Familien in Großmaitingen angesiedelt. Graf Károlyi ließ den Siedlern Brotgetreide, Saatgut, Ochsen und Kühe zuteilen, ließ sie aber im Gegenzug einen Eid ablegen, dass sie für immer auf seinen Gütern verbleiben werden. Insgesamt siedelte Graf Károlyi über 2000 deutsche Familien aus dem oberschwäbischen Raum im Komitat Sathmar an.

Rückschläge durch den Kuruzzen-Aufstand

Die anfänglichen Erfolge bei der Ansiedlung wurden durch den Kuruzzen-Aufstand der Jahre 1700 bis 1711 unter der Führung von Ferenc Rákóczi weitest gehend wieder zunichte gemacht. Erst nach dem Frieden von Sathmar war wieder an eine Aufnahme der grundherrschaftlichen Siedlungstätigkeit zu denken. Bis dahin waren jedoch viele Siedler vor den Kuruzzen geflüchtet. Nur in den größeren Städten wie Fünfkirchen oder Mohacs konnte sich ein Teil der deutschen Siedler halten.

Südostdeutsche Landsmannschaft Geretsried e.V.     office@suedostdeutsche.de